Unser Auto ist in der Nähe des Hamburger Flughafens geparkt. Anstelle das Auto im sicheren Parkhaus unterzubringen wurde das Geld in die Startgebühr des Ultra Trail Supramonte Sardinia investiert. In der Hoffnung, dass Xavier unser Auto nicht unter Bäumen begraben hat die bessere Wahl 🙂

In der Woche vor dem Event wurde intensiv am Strand, beim Wandern und Geocaching getapert. Einen Tag vor dem Raceday verlagern wir unsere Homebase in die Nähe des Starts und ich hole die Startunterlagen ab. Die Pflichtausrüstung wird kontrolliert und man gibt mir zu verstehen, dass etwas fehlt. Dem Italienenischen nicht mächtig verstehe ich jedoch nicht was. Den Jungs vom Orga-Team geht es mit dem Englischen nicht besser. „Warm Towel“ erzeugt bei mir nur ein fragendes Gesicht. Ein Badehandtuch werde ich wohl kaum benötigen, denke ich. Eine ältere Italienerin hilft mir aus der Patsche als sie eine Rettungsfolie aus ihrem Rucksack kramt und mir zu verstehen gibt, dass das das fehlende Utensil ist. Gracie, molto bene! Klar habe ich die dabei.

Am Raceday machte ich mich früh auf den Weg zum Start in Santa Maria de Navarrese – bloß kein Stress. Auf der italienischen Webseite zum Event habe ich dank dem Google-Translater etwas von Frühstück verstanden. Vor Ort erwies sich das „Frühstück“ als geöffnete Caffe-Bar in der man immerhin schon Espresso bekommt – ein italienisches Frühstück wie ich vermute. Somit hatte ich Zeit den Sonnenaufgang am Strand zu genießen.

Das Starterfeld von ca. 100 Läufern über die Marathondistanz ist schnell sondiert: vermutlich 5 Männer und ein ambitioniertes Mädel aus Deutschland, die direkt von einem Trail-Trainingslager kommt. Sollte ich mich ohne spezielle Vorbereitung auf die 2600 Höhenmeter übernommen haben. Leichte Zweifel keimen in mir auf. Irgendwie hatte ich es in den Wochen zuvor versäumt daheim Höhenmeter zu sammeln. Zu spät! Die ersten 7 Kilometer führen flach mit Meerblick auf einem Single-Trail entlang. Wie an einer Perlenkette durchpflügen die Läufer die Landschaft. Danach biegen wir in eine Schlucht ab und es geht bis Km 13 auf fast 800 m Höhe. Die Natur ist atem(be)raubend!

An der ersten Verpflegung wird neben Wasser auch Vino Rosso und Käse serviert. Dem Wein kann ich noch widerstehen, während der Käsegeschmack mein einziger ständiger Begleiter auf den folgenden Kilometern durch die Golgo-Hochebene sein wird: Steinwüsten durch die sich Ginsterbüsche und Korkbäume bohren und in denen ausgewilderte Esel, Schweine und Ziegen und anderes Getier leben. Man lerne: Käse immer mit Wein runter spülen! Bergab schließe ich wieder auf 2 Frauen auf, die mir zuvor durch die mit dem Fotografieren verbundenen Zeitverluste enteilt waren.

Die Organisatoren haben das Streckenprofil über Kopf auf den Startnummernzettel drucken lassen. So kann man selbst immer wieder einen Blick darauf werfen: es geht wieder hoch! Man sagt die Isländer kennen 100 Wörter für Schnee. Ich aber sage die Sardinier haben 100 Wörter für Steine und Geröll. Bislang führte die technisch anspruchsvolle Strecke quer über Steinfälle und Schotterpisten um nun in einem ausgetrockneten Flusslauf zu münden. Die beiden Mädels hüpfen geschmeidig von Stein zu Stein. Ich versuche stolpernd dran zu bleiben. Bald enteilt mir die junge Deutsche, die beim Start kennen gelernt hatte, und ich laufe mit einer Schweizerin mehr oder weniger die gesamte 2. Hälfte des Rennens. Auf den bergab Passagen habe ich keine Chance an ihr dranzubleiben. Bergauf kann ich mich hingegen immer wieder heranschnaufen. Vermutlich helfen mir bergauf die Stöcke, die ich bergab nicht benutzen kann, da ich mich auf meine Füße konzentrieren muss. Mit Stockeinsatz bin ich technisch schlicht überfordert.

Bei Km 35 knacken wir erneut die 700 Höhenmetermarke. Jetzt geht es nur 200 vertikale Meter runter, rauf und wieder runter bis ins Ziel. Kinderspiel! So sehe ich die ambitionierte Deutsche kurz vor mir am Ende der letzten Steigung 50m vor mir. Na da geht doch noch was! Kurz darauf erblicke ich am Gipfel den weiteren Verlauf der Strecke: Es geht entlang einer Geröllpiste. Ich habe alle Mühe mit dem sich unter mir rutschendem Geröll klarzukommen. Die Deutsche ist lange außer Sicht und die Schweizerin surft gerade auf dem Geröll an mir vorbei. Geradezu grazil läuft sie über den sich bewegenden Untergrund – ich stokel eher hindurch.
Auf den letzten 2 Km geht es laufbar in das Örtchen Baunei. Die Schweizerin wird wieder kassiert und somit erreiche ich das Ziel zwischen der 3. und 4. Frau des Klassements.

Frisch geduscht treffe ich in der Schlange zur Pasta die freundliche Italienerin vom Materialcheck wieder. Sie ist als 7. Frau ins Ziel und muss nun auf ihren Mann warten, der nicht melde so schnell kann. Die Gnocchi sind exakt vor mir alle. Aber es naht sogleich ein großer Topf voller Gnocchi mit Soße. Voller freudiger Erwartung halte ich mein Tablet der typischen italienischen “ Mama“ entgegen. Sie erklärt mir warum ich noch nichts bekomme, aber ich verstehe nur, dass die Gnocchi noch nicht fertig seien. Ein Italiener hinter mir entfacht daraufhin eine Diskussion, die jedoch von „Mama“ resolut mit einem „Basta“ beendet wird. Einen Moment später eilt eine weitere Köchin mit einem Berg Parmesan heran. Als ich begreife muss ich laut lachen und bekomme eine extra Portion Parmesan. Der Italiener hinter mir nicht. Entspannt sitze am Marktplatz in Baunei, höre der Liveband zu und genieße die Stimmung nach getaner Arbeit bis ich einem kleinen Jungen vor mir bemerke. Er hat offensichtlich ein Auge auf mein Essenstablett geworfen. Als ich ihm ein Käsestück anbiete verrät mir sein Gesicht, dass ich damit falsch liege. Aha die Birne ist sein begehr! Kurz darauf lädt mich sein Papa, der ebenfalls gelaufen ist, auf ein Bier ein und wir plaudern über Strecke und Landschaft.

Ich mag die Sardinier und deren Insel! Sven

Laut Garmin: Distanz: 42,49Km | Zeit: 6:07:25 | Anstieg: 2086m | Abstieg: 1643m | Platzierung: keine Ahnung – egal!